Der Ewigkeitssonntag

„Wunder Punkt?“

Der Ewigkeitssonntag ist ein Tag des besonderen Gedenkens. Wir gedenken derjenigen, die im vergangenen Jahr oder schon in früheren Jahren gestorben sind.

Die Erfahrung der Trennung und des Todes verändert unser Denken und Fühlen, und wir fragen uns: Wo ist jetzt mein Platz im Leben? Wo finde ich Trost? Und in diesem Jahr erleben wir uns noch verwundeter und schutzloser.

Manchmal reißt ein besonderer Gedenktag wie der Ewigkeitssonntag Wunden wieder auf, die noch nicht richtig vernarbt sind. Und Narben, die wir schon lange mit uns tragen, werden vielleicht noch einmal „wetterfühlig“. An einem besonderen Gedenktag treten unsere Wunden und Narben in den Vordergrund und werden sichtbar – auch voreinander.

Das Bild der Wuppertaler Krankenhausseelsorgerin und Künstlerin Michaela Kuhlendahl heißt „Wunder Punkt?“.

Es ist ein dunkles Bild – schwarze Schattierungen. Graue Flächen. In der linken oberen Hälfte ein roter Fleck mit dunklem Rand. Darunter die weiße Schrift: „Wunder Punkt“ – mit einem Fragezeichen ver­sehen.

Dort ist also eine wunde, vielleicht blutende Stelle abgebildet. Dieser Fleck, dieser wunde Punkt, macht körperliche wie seelische Wunden symbolisch sichtbar.

„Wunder Punkt?“ steht auf dem Bild. Oder heißt es „Wunder-Punkt“? Also nicht Wunde, sondern Wunder.

Aller vordergründigen Realität zum Trotz können Wunden heilen – auch die tödlichen!

Die Zeit der Wunder hat bereits begonnen.

Der Trost Gottes reicht über unsere menschlichen Horizonte hinaus.

Seit der Auferweckung Jesu von den Toten hoffen wir auf das Wunder, dass Gott alle Tränen abwischen wird und sogar der Tod nicht mehr sein wird (Offenbarung 21,4).

In der Auferweckung Jesu ist der wunde Punkt zum Wunder-Punkt geworden. Im Leben, das den Tod überwunden hat, liegt die Wende von den Wunden zum Wunder. Über unsere Wunden bricht das Wunder herein.

Wir warten auf den kommenden Gott, der am Ende der Zeiten alles in allem sein wird.

Gott selbst wird in unserer Mitte wohnen, sichtbar, greifbar, deutlich für uns alle. Unsere Wunden nehmen wir mit, und in der zukünftigen, ewigen Gemeinschaft mit Gott werden unsere Wunden vollständig geheilt sein.

(Aus der Predigt von Pfarrerin Anne Simon zu Offenbarung 21 am Ewigkeitssonntag, den 22. November 2020)

 

In den Gottesdiensten am Ewigkeitssonntag in der Versöhnungskirche (10.00 Uhr) und in der Lutherkirche (10.30 Uhr) ist Zeit für das Gedenken, Raum für Stille; und wir vergewissern uns, dass uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes, „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur“ (Römerbrief Kapitel 8, Verse 38 und 39).

Foto: © Michaela Kuhlendahl